Viola und Chris unter Kiwis

8 Monate Work & Travel in Neuseeland

22Februar
2013

Tongariro Northern Circuit: Rutschpartie

Plankenweg am unsichtbaren BachMt. Ngaurahoe alias Mt. DoomOben am KraterHuhu!Aussicht auf den Mt. Tongariro und den Blue LakeZermürbender Abstieg

6 Uhr: Wir erwachten in der Dunkelheit auf einem Campingplatz 8km entfernt von dem Ausgangspunkt unserer Wanderung. Einem Campingplatz? Nanu, wie waren wir denn hierhin gekommen? Eine Rückblende:

Am Abend zuvor waren wir ca. 85km von Taupo über Turangi nach Whakapapa Village gefahren, wo am nächsten Morgen unser erster Great Walk, der Tongariro Northern Circuit, starten sollte. Da wir nicht genau wussten, wo wir parken sollten, hielten wir einfach an der Straße wie die anderen Autos. Wir waren schon fast bettfertig, Viola hatte sogar schon einen schaumigen Zahnpastamund, da sahen wir aus der Ferne ein Auto heranrollen und langsamer werden-Polizei? Oh je, durften wir hier nicht stehen? Schnell krabbelten wir nach vorne auf die Vordersitze, zupften uns die T-Shirts zurecht, kramten den Reiseführer heraus und setzten im letzten Moment noch ein entspanntes und höchst unschuldiges Lächeln auf (Viola schluckte hektisch die Zahnpasta runter), bevor wir ein Fenster herunter kurbelten und den Polizeibeamten begrüßten. Freundlich erkundigte er sich nach unserem Verbleiben, sagte, wo wir unser Auto parken könnten während wir auf Wanderschaft waren und fragte uns dann nur noch, ob wir wüssten, wem das Auto neben uns gehören würde. Wir verneinten, und schon wandte er sich uns ab und wir waren höchst erleichtert. Puh, keinen Ärger mit der Polizei. Einige Minuten vergingen, mittlerweile lagen wir fast schlafend in unseren Schlafsäcken, da blendete uns ein Licht, dass sich um unseren Wagen herum bewegte. Umkreiste uns etwas? Wohl kaum ein Auto, viel mehr ein Mensch! Als es klopfte, erhob sich Chris, schob den Vorhang beiseite und öffnete die Schiebetür. Vor uns stand ein in orange gekleideter Mann mit einer Pistole. Ein Verbrecher!!! Aaaah!! Freundlich erkundigte er sich nach unserem Verbleiben. Häh?! Zum Glück stellte es sich nur als der Security-Mensch heraus, der uns sagte, dass wir hier nicht schlafen könnten, da uns der Ranger morgen früh sonst eine Strafe von 200$ aufbrummen würde. Außerdem fügte er hinzu, dass momentan ein Mann sein Unwesen hier trieb, nach welchem die Polizei fahnde und es somit gefährlich für uns sei hier zu bleiben. Er schickte uns also mit einem besorgten Stirnrunzeln zu jenem Campsite, wo wir umsonst übernachten könnten, wenn wir ihn nur früh genug verließen.

Und nun ging die Gruselnacht weiter. Uns war ja schon recht mulmig zumute, als wir den Motor starteten uns losfuhren. Als wir dann noch auf einmal das Kiwi-Warnschild am Straßenrand bemerkten und wir deswegen extra vorsichtig fuhren, um ja keines der wertvollen Geschöpfe zu überfahren, obwohl wir am liebsten weggerast wären wie sonst was, wurden unsere Nerven noch weiter strapaziert, da uns ein lebensmüdes Wildkaninchen von der Bahn drängte. Uaaaah! Das war knapp, beinahe hätten die Reifen unseres Autos Blut an sich kleben gehabt. Als der Platz endlich erreicht war, fühlten wir uns schon wohler und konnten auch bald ins Reich der Träume fliehen.

So, nun wisst ihr, was letzte Nacht noch so alles geschah. Nun aber zum wichtigeren Teil:

8 Uhr: Tongariro Northern Circuit, wir kommen! Unser Rundweg startete hier, in Whakapapa Village. Wir hatten uns einiges für heute vorgenommen und so ging es auch schon los. Zuerst liefen wir ca. zwei Stunden durch Graslandschaft, später durch den Wald. Munter summend liefen wir so durch die Gegend und konnten schon von weitem die Vulkane erkennen, die wir besteigen wollten. Ziemlich beeindruckend! Und wir lernten sogar im Vorhinein etwas sehr Wichtiges. Auf einer Infotafel stand geschrieben: „Lava ist sehr heiß!“. Nein, wirklich?! Eigentlich wollten wir doch darin eine Vulkan-Party feiern! Nun denn, mittlerweile waren wir nicht mehr alleine, denn wir wanderten nun auf dem Weg, den auch die Tageswanderer des Tongariro Alpine Crossings hinter sich zu bringen hatten. An einem seichten Bach entlang führte der gut ausgebaute Pfad („bitte NICHT die Wege verlassen!“) immer näher zu dem gefürchteten Anstieg über die Devil’s Staircase, die 300 Höhenmeter nach oben zu den Vulkanen führt. Es war eine wirklich anstrengende Partie- vor allem wegen unserer riesigen Rucksäcke-, während welcher wir mit aufmunternden, anerkennenden und teils belustigten Worten und Blicken bedacht wurden. Doch auch die brachten wir noch gut hinter uns.  Oben auf 1650m angekommen, legten wir erst einmal eine Salamibrot-Pause ein, bevor es an den harten Kern ging. Vor uns erhob sich nämlich bereits begierig wartend der 2291m hohe Mt. Ngaurahoe. >Schluck<. Ein Respekt einflößendes Monstrum an Berg türmte sich vor uns auf. Wir standen noch am Fuße des kolossalen Vulkans, dann ein letzter Blick nach oben. Die Sonne lugte hinab auf die Erde, um uns winzige Ameisen zu belächeln. Noch einmal Luft holen. Das Herz pochte. Es gab nur noch den Berg und uns. Und los. Wer erwartet, einen schönen Pflasterweg mit Treppengeländer vorzufinden, wird bitter enttäuscht werden. Nein, der „Weg“, wenn man ihn so nennen will, war unbefestigt und man „ging“ auf lockerem Staub und losen Steinen. Da der „Hauptweg“ senkrecht nach oben führte und man dort keine Möglichkeit hatte, sich festzuhalten, stapften wir erst links daran vorbei über eine Serpentine nach oben. Ab und zu lagen größere Felsbrocken im Weg, woran man sich festhalten konnte, doch meistens war es ein mühsames Hinaufquälen, da das den Anstieg negativ beeinflussende Prinzip „Zwei Schritte vor, zwei zurück“ nicht gerade bei Laune hält. Kennt ihr das Gefühl, wenn man einfach keinen Bock mehr hat, am liebsten stehen bleiben würde, alles hinschmeißt? Tja, Chris packte auf den 541 Höhenmeter nach oben dieses missmutige Gefühl, doch aufgeben gibt’s nicht! Nach zwei Stunden war es dann auch endlich geschafft, wir standen am Krater des Vulkans, der übrigens Peter Jackson als Inspiration für den Schicksalsberg (Mt. Doom) für die Verfilmung von J.R.R. Tolkiens „Herr der Ringe“ gedient hat, und schauten umher in die Welt. Was für eine umwerfende Aussicht!! Man konnte die anderen Vulkane, Mt. Tongariro und Mt. Ruapehu, sehen, außerdem den Blue Lake, weite Landschaft und sogar den Lake Taupo!! Es war so wunderschön, wir waren wie verzaubert. Doch irgendwann geht auch der schönste Moment vorbei und wir mussten uns an den gefürchteten Abstieg machen. Oh nein, bitte nicht, BITTE NICHT!!!! Es war die Zeit gekommen, um den „Hauptweg“ hinunter zu kommen. Wie? Na, rutschen! Eine gewisse Angst durchlief unser Mark und Bein. Da runter? Doch es blieb keine andere Wahl. So schlitterten wir wankend hinab. Wir waren noch nicht so weit gekommen, da landeten wir beide auf dem Hosenboden. Aufstehen? Näää. Eine Welle der Lustlosigkeit übermannte uns, denn der Abstieg war zermürbend. So saßen wir eine Weile herum, fingen an das französische Trinklied „Tourdion“ (Grüße an das OVE!) zu singen (ohne uns gegenseitig zu hören) und verweilten auf ca. 2100m auf einem riesigen Vulkan, die Erde zu unseren Füßen. Was für ein irreales, aber erhebendes, freies Gefühl!

Dann bemerkten wir wie ein Mann, der den steilen „Hauptweg“ hochgekrabbelt war, anhielt und auf uns wartete. Wie weit es noch wäre? –Najaaa, schon ne Weile. Er hatte schon recht viel geschafft, sodass er-gegen den rationalen Verstand, der gesagt hatte, dass es besser sei umzukehren, da er der Letzte hier war und es bald dunkel wurde-vom berühmten Gipfelfieber gepackt wurde und doch noch hoch kletterte, während wir den Weg nach unten fortsetzten und von dort die zurück über die höllischen Treppen, dann am Bach vorbei zur Unterkunft für diese Nacht, den Campingplatz der Mangatepopo Hut, ansteuerten.

Nach einer guten Stunde waren wir dort angekommen, bauten unser Zelt auf und fingen an das Abendessen (instant noodles) zu kochen. Dabei schaute uns auf einmal der junge Mann vom Berg über die Schulter. Huch, hallo! Sein Name war Nicolas. Wir plauderten noch die restliche Zeit, zeigten ihm Fotos, und gingen dann auch bald ins Bett. Müde wie noch nie, nach 11 Stunden Wanderung und Kletterei hatten wir es uns aber auch verdient!

Sunset